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Der Beginn

Heute bekomme ich das erste Mal eine Chemotherapie. Was kommt da auf mich zu?

Vermutlich sind Sie aufgeregt und ein wenig ängstlich, weil das was jetzt kommt ja Neuland ist. Sie wissen nicht genau, wie das mit der Therapie funktioniert, wie lange es dauert, wie Sie sich fühlen werden. Vielleicht hat Ihnen Ihr Onkologe ein leichtes Beruhigungsmittel verordnet, das Sie bereits am Vorabend der Therapie eingenommen haben. Das ist sehr hilfreich, um dem Ganzen etwas gelassener und nicht so ängstlich begegnen zu können. Am Tag der Chemotherapie machen Sie alles so, wie Sie es gewohnt sind. Sie brauchen nicht nüchtern zu sein. Wenn Sie es so gewöhnt sind, frühstücken Sie ein wenig. Ziehen Sie möglichst lockere bequeme Kleidung an, denn die Therapie wird mit einer gewissen Nachbeobachtungszeit einige Stunden dauern. Wie lange ist unterschiedlich und hängt von den verschiedenen Therapieschemata ab.

Wenn Sie einen Port tragen, der unterhalb des Schlüsselbeins implantiert wurde, achten Sie darauf, dass Ihr Oberteil einen möglichst weiten Halsausschnitt hat oder mit einer Knopfleiste versehen ist. Das erleichtert den Zugang für die Schwestern und Pfleger, welche die Portnadel legen.

In der Regel haben Sie zu diesem Zeitpunkt schon einen sogenannten Chemotherapie- oder Nachsorgepass. Tragen Sie diesen möglichst immer bei sich und bringen Sie ihn zu jeder Therapie mit. In diesen Pass werden die aktuellen Blutwerte und die Medikamente eingetragen. So können auch andere behandelnde Ärzte nachvollziehen, womit Sie behandelt werden.

Sie sind nun bei Ihrem Onkologen angekommen. Zu den Therapien sollten Sie sich bringen lassen, da Sie nach der Chemotherapie nicht selbst fahren sollten. In der Regel übernimmt die Krankenkasse an den Therapietagen die Kosten für eine Taxifahrt oder die Fahrten mit dem Privat-PKW.

An der Anmeldung zum Therapiebereich geben Sie Ihren Behandlungspass ab. Sollten Sie Rezepte benötigen oder Fragen haben, stellen Sie diese. Die Mitarbeiterinnen werden Ihnen gerne weiterhelfen.

Auch aktuelle Beschwerden sollten Sie an dieser Stelle äußern. Für die Pflegekräfte ist es wichtig zu wissen, wie es Ihnen geht. Teilen Sie mit, wenn Sie zum Beispiel einen Infekt oder Fieber haben. Ist Ihnen übel oder spielt der Kreislauf verrückt? Nur wenn das Personal von Ihren Beschwerden weiß, kann Ihnen auch geholfen werden. Also scheuen Sie sich nicht, ein offenes Wort zu reden. Bei den Angestellten handelt es sich in der Regel um besonders qualifizierte Mitarbeiter, die Ihre Fragen beantworten und so manche Beschwerden lindern kann. Bei größeren Problemen wird dann ein Arzt hinzugezogen.

Erschrecken Sie bitte nicht, wenn Sie das erste Mal in den Behandlungsraum gebracht werden. Meist handelt es sich um größere Zimmer, in denen mehrere Patienten Platz finden. Auf bequemen Stühlen, die in Liegepositionen gebracht werden können, sitzt vielleicht schon der eine oder andere Patient und schaut Ihnen erwartungsvoll entgegen. Einige Infusionen laufen schon, die Infusionsständer hängen voller Flaschen und Beutel.

Das ist der Zeitpunkt, an dem man sich am Liebsten umdrehen und weglaufen möchte. Bei dem Gedanken, sich selbst auf einen der Stühle setzen zu müssen, um mit einem Infusionsschlauch verbunden zu werden, schwillt der Angstkloß im Hals noch mehr an.

Sicher, die Situation ist schwer auszuhalten, neu und beängstigend. Aber Sie schaffen das! Und – wie Sie deutlich sehen können – Sie sind nicht allein.

Auch wenn man sich vielleicht lieber in sein Elend verkriechen würde, tut es doch gut, zu wissen, dass auch andere betroffen sind.

Während der Therapie ergeben sich immer wieder gute Gespräche zwischen den Patienten, häufig sind richtige Gemeinschaften oder Freundschaften entstanden. Vielen Betroffenen tut es gut, sich auszutauschen, manche möchten dagegen lieber Ihre Ruhe haben und wollen nichts sehen und nichts hören und schon gar nicht selber sprechen. In diesem Fall ist es Ihr gutes Recht, das auch zu äußern. Für Ihr Bedürfnis nach Ruhe wird jeder Verständnis haben.

Es wäre sinnvoll, wenn Sie sich in diesem Fall vielleicht Kopfhörer und mitbringen. Vielleicht möchten Sie lieber Ihre Lieblingsmusik hören oder lesen. Rüsten Sie sich im Vorfeld entsprechend aus und bringen Sie Ihren ipod oder ein Buch mit. Zeitschriften sind in der Regel vor Ort, ebenso Heiß- und Kaltgetränke.

Für das Pflegepersonal ist es wichtig, die Patienten während der Therapie im Blick zu haben, deshalb sitzen meist mehrere Patienten in einem Raum und Türen bleiben geöffnet. Schließlich wollen alle sichergehen, dass es Ihnen gutgeht und sofort im Blick haben, wenn etwas nicht stimmt.

Haben Sie keine Hemmungen, sich zu melden, wenn Sie etwas benötigen oder irgendetwas nicht passt.

Auch hier gilt wieder: Ihnen kann nur geholfen werden, wenn man weiß, dass Sie Hilfe brauchen. Außerdem ist die Bedürfnislage und Befindlichkeit der Patienten extrem unterschiedlich und individuell. Dem einen ist kalt, dem anderen eher warm. Bitten Sie um eine Decke, wenn Sie frieren.

Jetzt ist es also soweit. Eine Mitarbeiterin bittet Sie, Platz zu nehmen. „Wie schade, ich hätte viel lieber dort vorne am Fenster gesessen“, denken Sie sich sofort. Ärgerlich, dass die nette Pflegekraft keine Gedanken lesen kann. Wenn Sie es dabei belassen, werden Sie also für die nächsten sechs Stunden auf einem Platz sitzen, den Sie eigentlich nicht haben wollten. Trauen Sie sich aber zu fragen, ob es möglich ist, am Fenster Platz zu nehmen, besteht eine gute Chance, diesen kleinen Wunsch erfüllt zu bekommen.

Sollte irgendetwas aus nachvollziehbaren Gründen nicht möglich sein, wird man es Ihnen erklären.

Aber trauen Sie sich unbedingt, Ihre Bedürfnisse – sofern Sie sich in einem vernünftigen Rahmen bewegen – auch zu äußern.

Auch dem Pflegepersonal ist daran gelegen, dass Sie sich möglichst wohl fühlen und den Aufenthalt während der Behandlung so angenehm wie möglich erleben.

Allerdings sollten Sie Verständnis dafür haben, dass nicht für alle Alles möglich gemacht werden kann. In diesem Fall unterstützen Sie bitte die Vorgaben der Mitarbeiter.

Stellen Sie sich vor, wie die Situation wäre, wenn jeder Patient während der Therapie mit den Lieben zu Hause telefoniert. Ein Handy hat ja heute jeder dabei. Ein ohrenbetäubender Sprechgesang würde durch die Räumlichkeiten ziehen und zu großer Unruhe führen.

Überhaupt ist der Gedanke „Was wäre, wenn das jeder täte“ in Bezug auf das Thema Rücksicht nicht der Schlechteste. Man bekommt auf diesem Weg eher einen Eindruck davon, was die Konsequenz mancher Handlungsweisen wäre. Und vielleicht auch das Einsehen, dass manche ungute Situationen durch ein wenig Rücksichtnahme zu vermeiden wären.

Zurück zur Therapie. Sie sitzen also jetzt auf dem Behandlungsstuhl – idealer weise auf dem am Fenster – und werden in kurzer Zeit Ihre Chemotherapie beginnen. Versuchen Sie sich zu entspannen. Die Mitarbeiter der Onkologie wissen genau, was sie tun und beantworten Ihnen gerne Ihre Fragen. Erschrecken Sie nicht, wenn zahlreiche Infusionsflaschen und –beutel für sie bereitgestellt werden. Es handelt sich dabei nicht nur um Chemotherapeutika. Damit Sie die Therapie möglichst gut vertragen, bekommen Sie in der Regel zunächst die sogenannten „Vorspülungen“. Dabei handelt es sich meist um Kochsalzlösungen, denen Medikamente gegen die gängigen bekannten Nebenwirkungen zugesetzt sind: Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen.

In den letzten Jahren hat sich die medizinische Forschung nicht nur der Entwicklung neuer Behandlungsstrategien verschrieben, sondern vor allem auch der Beherrschung von Nebenwirkungen, die durch die Chemotherapie hervorgerufen werden können. Die Horrorgeschichten, die man schon oft gehört hat, wie tagelanges Erbrechen, Schwäche, Teilnahmslosigkeit und Bettlägerigkeit treten heute aufgrund der umfassenden, auf die jeweiligen Zytostatika abgestimmten unterstützenden Maßnahmen (die sogenannte Supportivtherapie) glücklicherweise nicht mehr auf.

Leider kursieren aber immer noch viele Gerüchte über das „Schreckgespenst Chemotherapie“, mit denen Sie möglicherweise auch durch Ihr Umfeld, mehr als Ihnen lieb ist, konfrontiert werden.

In diesem Fall haben Sie bitte den Mut, sich zu distanzieren. Teilen Sie den meist unwissenden Ratgebern aus Ihrem Bekanntenkreis mit, dass Sie sich medizinisch in guten Händen befinden und weitere Hinweise und gutgemeinte Ratschläge nicht hören möchten. Sicher wollen alle immer nur das Beste, aber die vielen ungefilterten Tipps verunsichern und sind in der Regel nicht zu gebrauchen.

Es gibt mannigfaltige Krebserkrankungen, die auf unterschiedliche Art nach medizinischen Standards behandelt werden. Pauschalratschläge der Art „die Mutter meiner Nachbarin hatte auch Krebs und die Therapie war schrecklich. Ich würde mir das nochmal überlegen“ sind kontraproduktiv und tragen nicht zu Ihrer Beruhigung bei. Daher nochmal: Sie tun gut daran, einfach allen klar zu machen, dass man zwar für Unterstützung und Hilfe dankbar ist, auf die Verbreitung medizinischer Halbwahrheiten aber lieber verzichtet.

Nach diesem kleinen Exkurs über die manchmal anstrengenden hilflosen Unterstützungsversuche Ihrer Mitmenschen zurück in den Therapieraum.

Zuerst wird Ihnen die Pflegefachkraft einen venösen Zugang legen, über den die Therapie in den Körper gelangt. Wenn Ihnen im Vorfeld ein Port eingesetzt wurde, werden die Medikamente über den Port infundiert.

Vor jeder Therapie werden die Blutwerte untersucht, um sicherzugehen, dass die Blutwerte in Ordnung sind, bevor die Chemotherapie beginnt.

Denn es ist bekannt, dass die Chemotherapie sich nicht nur gegen potentielle Tumorzellen im Körper richtet, sondern auch gegen alle anderen Zellen. Etwa 7-10 Tage nach der Therapie verschlechtern sich daher auch die Werte der weißen Blutkörperchen, der Erythrozyten und gegebenenfalls auch der Blutplättchen, der Thrombozyten. Der sogenannte „Nadir“ tritt ein. In dieser Zeit ist es von besonderer Bedeutung, bei Fieber über 38 Grad, den zuständigen Onkologen zu verständigen. In diesem Fall muss zur Infektabwehr ein Antibiotikum gegeben werden, weil die körpereigene Abwehr, durch die Verminderung der Zellen, nur unzureichend in der Lage ist, selbst zu reagieren.

Wenn Ihre Blutwerte in Ordnung sind, und auch sonst keine Beschwerden vorliegen, die gegen die Gabe einer Chemotherapie sprechen, kann die Behandlung beginnen.

Erschrecken Sie nicht, wenn Sie die vielen Infusionsflaschen und –beutel sehen. Nicht in allen ist ein Zytostatikum. Die Pflegekraft wird Sie darüber aufklären, dass – zur besseren Verträglichkeit – unterstützende Medikamente gegeben werden. Außerdem braucht der Körper für die Therapie viel Flüssigkeit. Die sogenannten „Spülungen“, meist mit Kochsalzlösung, sollen dies gewährleisten.

Versuchen Sie sich während der Therapiezeit zu entspannen. Machen Sie es sich bequem, lesen Sie etwas, hören über Kopfhörer Ihre Lieblingsmusik. Manche Medikamente machen müde. Schlafen Sie ruhig.

Die Praxiserfahrung hat gezeigt, dass viele Patienten schon bei der Anmeldung zur Therapie wissen wollen, wie lange es dauert, bis sie wieder gehen können. Natürlich ist nachvollziehbar, wenn der Wunsch besteht, sie Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen, um wieder nach Hause zu kommen. „Augen zu und durch“ ist da die Devise.

Sobald eine Infusionsflasche leer ist, rufen einige Patienten die Pflegekraft, um darauf aufmerksam zu machen, dass es weitergehen muss, um keine Zeit zu verlieren.

So manches Mal werden wir als  Mitarbeiter aufgefordert, die Infusionen schneller laufen zu lassen. „Das tropft aber sehr langsam, da bin ich bis 14 Uhr aber nicht fertig“. Sie können sicher sein: niemand will Sie länger als notwendig in der Therapieeinheit festhalten. Es gibt aber konkrete Vorgaben und Erfahrungswerte bezüglich der Laufzeitdauer von Medikamenten. Für die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Chemotherapeutika ist es von großer Bedeutung, diese Vorgaben auch einzuhalten.

Verlassen Sie sich auf die Vorgehensweise der Pflegekräfte. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Patienten, die möglichst ruhig und entspannt den Therapietag verbringen, ohne ständig auf die Uhr zu schauen, viel besser mit der Situation zu Recht kommen. In der Tat können Sie Körper und Psyche bei der Krankheitsbewältigung unterstützen, indem Sie versuchen, Ruhe zu bewahren.

Auch wenn es anfangs sicher schwer fällt, nutzen Sie die Zeit der Untätigkeit, um sich Gutes zu tun. Dann geht auch die Therapiezeit schneller um, und schon ist der Tag Ihrer ersten Therapie geschafft und Sie dürfen wieder nach Hause.