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Erling Kagge: Stille. Ein Wegweiser. Inselverlag Berlin 2017   14,00 Euro

Dieses schmale Buch fiel mir zufällig bei einem meiner regelmäßigen Buchhandlungs-Besuche in die Hände.

Unter der schlichten, farblosen Aufmachung des Schutzumschlags, der dem Titel alle Ehre macht, findet sich das Buchcover, das in seiner Aufmachung mehr unserer Realität entspricht: eine grellbunte Straßenszene, deren Geräuschkulisse wir uns sofort lebhaft vorstellen können.

Und das ist es, worum es in diesem Buch eines norwegischen Abenteurers, Autors, Jurist, Kunstsammler und nicht zuletzt Vater geht. Die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und dem Leben im Zeitalter der auerhaften Verfügbarkeit durch Handy, Internet und Co. beschreibt der Weltenbummler, der Expeditionen zum Süd- und Nordpol unternommen und den Mount Everest bestiegen und dort die Stille gefunden und schätzen gelernt hat.

Interessant zu lesen und mit wunderschönen Abbildungen versehen, hat mich dieses Buch zum Träumen gebracht.

Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante.      dtv München 2013        9,90 Euro

Das Buch hat mich sofort durch die überzeichneten skurrilen Charaktere in seinen Bann gezogen. Es geht um einen seit kurzer Zeit berenteten Bankbeamten, der auf der Beerdigung seiner Mutter einer Tante nach vielen Jahren wieder begegnet. Die alte Dame belegt mit ihrem mehr als forschen Wesen gleich ihren Neffen mit Beschlag und überredet ihn zu einer gemeinsamen Reise mit dem Orient-Express. Auf dieser Fahrt entpuppt sich die alte Tante als lebensfrohe und keineswegs gesetzestreue Mitbürgerin, die ihr Leben in vollen Zügen zu genießen versteht. Ihr anfänglich zurückhaltender Neffe blüht in ihrer Gesellschaft zunehmend auf und verlässt seinen bis dato tristen und rechtschaffenen Lebensweg.

Greene, der in Großbritannien im Jahre 1904 geborene Autor gehört zu den wichtigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er starb 1991 in der Schweiz. Seine einfallsreichen und lustigen Situations- und Personenbeschreibungen sind mitreissend und ein großes Lesevergnügen.

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen, Piper Verlag München 2018   20 Euro

Der Autor Johann Scheerer ist der Sohn des 1996 entführten Literaturwissenschaftlers und Soziologen Jan Philipp Reemtsma.

Im Alter von 13 Jahren erlebte der Junge 33 Tage im Ausnahmezustand, nachdem sein Vater aus seinem Haus in Hamburg entführt worden war. Mehrere gescheiterte Geldübergaben, Wochen, in denen Mutter und Sohn unter ständiger Polizeipräsenz lebten und einen guten Ausgang erhofften. Weitgehend abgeschnitten von der Außenwelt, um die Nachricht der Entführung aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich werden zu lassen, war Johann Scheerer dieser traumatischen Situation ausgesetzt. Der Glaube an einen guten Ausgang schwand, je länger das Entführungsdrama anhielt.

Im Buch beschreibt Scheerer rückblickend sein Dasein in dieser von Ängsten und Verzweiflung geprägten Zeit, seine Isolation als Teenager unter Erwachsenen und die immer wieder aufflammende Hoffnungslosigkeit, den Vater lebend wieder zu sehen.

Überaus spannend lesen sich diese Erinnerungen über die emotionalen Abgründe denen der junge, bis dahin wohl behütete Mensch plötzlich ausgesetzt war.

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Roman, Diogenes Verlag, Zürich 2017   25 Euro

 Der mit über 600 Seiten umfangreiche Roman des in Schwabach geborenen Autors Klaus Cäsar Zehrer beruht auf wahren Begebenheiten.

Boris Sidis, ein hochbegabter Mann jüdisch-russischer Herkunft setzte sich im 19. Jahrhundert für die Schulbildung russischer Bauern ein, wurde als 17-jähriger inhaftiert und emigrierte nach seiner Haftentlassung 1887 in die USA.

Dort hielt er sich mit einfachen Arbeiten finanziell über Wasser und widmete sich in jeder freien Minute seinem Studium der Philosophie, Psychologie und später der Medizin. Er lernte eine Frau kennen, die aus einfachsten Verhältnissen stammte, wurde ihr Lehrer und erreichte, dass Sie als eine der ersten Frauen ein Medizinstudium absolvierte. Aus dieser Verbindung entsteht der Sohn William James Sidis, die eigentliche Hauptfigur des Romans.

Das wichtigste erzieherische Ansinnen des Boris Sidis war, seinen Sohn nach der „Sidis-Methode“ vom ersten Lebensmonat an zu intellektuell zu fördern und aller Welt zu zeigen, dass seine Methode in der Lage ist, Genies hervorzubringen.

Das Experiment „frühkindliches Lernen“ ließ den Jungen bereits im Alter von 18 Monaten Zeitung lesen. Er absolvierte die Grundschule in kaum mehr als einem halben Jahr, die Highschool in 3 Monaten und im Alter von 8 Jahren erhielt William James Sidis die Zulassung zum Studium an der Medizinischen Fakultät Harvard.

Der IQ des Jungen wurde auf 250-300 geschätzt, er galt als Wunderkind und wurde entsprechend von der Presse gefeiert.

Schon früh merkte der Junge, dessen Kindheit keine war und der aufgrund nie erlernter Sozialkompetenz Zeit seines Lebens ein Außenseiter blieb, dass er ein Leben unter Dauerbeobachtung und ohne die Möglichkeit, frei zu entscheiden, womit er sich beruflich beschäftigen will, nicht zu führen bereit war.

Die unglaubliche Lebensgeschichte dieses mehr als hochbegabten Jungen erzählt der Autor mit großer Spannung, die Charaktere sind überaus eindrucksvoll ausgebildet: der vom Ehrgeiz nach Bildung zerfressene Vater, die ihrem Kind emotionslos gegenüberstehende Mutter ebenso, wie der immer mehr zum Sonderling mutierende Sohn.

Wirklich spannend zu lesen und, im Zeitalter der von gewissenhaften und diesbezüglich überengagierten Eltern vorangetriebenen Frühförderung des lieben Nachwuchses, noch dazu überraschend aktuell.

Der Autor stellt dieses Buch anlässlich der 15. Leselust-Veranstaltung in Ansbach am Freitag, den 20.4.18, 20 Uhr im Kunsthaus Reitbahn 3 vor.

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman, Kiepenheuer & Witsch Köln 2017   20 Euro

Eines Tages steht Matteo vor dem Haus in Köln, in dem Mia in einer Wohngemeinschaft mit zwei anderen Frauen lebt. Der junge Mann kommt direkt aus Venedig, in dem die junge Studentin der Kunsthochschule ein Gastsemester absolviert hatte. Vor ihrer Heimreise hatte sie alle Freunde und Bekannte aufgefordert, sie doch mal in Köln zu besuchen. Ausgerechnet der stille, unscheinbare Matteo war nur eine sehr flüchtige Bekanntschaft, so dass Mia mehr als nur überrascht ist, ihn vor ihrer Tür zu sehen.

Der Venezianer wird also als Gast in die Wohngemeinschaft aufgenommen, wobei alle drei Frauen eher skeptisch reagieren und den jungen Mann als Eindringling in ihr ruhiges, eingespieltes Leben betrachten.

Innerhalb kurzer Zeit knüpft Matteo durch seine hilfsbereite und interessierte Art Verbindungen zu Mia, der Studientin, Lisa, die in einer Buchhandlung arbeitet und Xenia, der Geschäftsführerin eines Kölner Cafés. Der kunstinteressierte Italiener, von Beruf Restaurator, zieht durch Köln, um durch die Kunst rund um den Dom Verbindungen zu Venedig herzustellen. Er ist ein begnadeter Zeichner und beeindruckt durch sein Wesen und sein Talent zunehmend seine vorübergehenden Mitbewohnerinnen.

Seine Anwesenheit bringt alle dazu, über ihr Leben und ihre Zukunftsvorstellungen zu reflektieren und berufliche und private Weichen zu stellen. Matteo ist schon bald aus dem Gefüge nicht mehr wegzudenken, hat allerdings seine eigenen Vorstellungen zur Lebensplanung.

In gewohnt unaufgeregter Manier beschreibt Hanns-Josef Ortheil Charaktere und Örtlichkeiten. Die Bilder von Venedig und Köln prägen sich ein und machen Reiselust, die Interaktion der Frauen untereinander und ihrem Gast gegenüber entwickelt sich spannend und lässt lange auf, wohin die Reise geht.